Jerusalem um 500 vor Christus: Die Nachkommen der Verbannten sind aus dem Exil in Babylon zurückgekehrt. Sie versuchen, in Jerusalem wieder Fuß zu fassen. Doch vieles ist von den Kriegen noch zerstört. Wirtschaftlich geht es den Menschen schlecht, immer mehr verarmen. In dieser Situation spricht der dritte Teil des Jesajabuchs von einem Geistträger, der von Gott gesalbt und gesandt ist. Durch ihn bringt Gott die Wende und befreit die Armen aus ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit. Der Träger von Gottes Geist tritt auf wie ein Prophet, der von Gottes Geist erfüllt ist, wie ein Priester, der die Verbindung zwischen Gott und den Menschen stärkt und wie die Könige, die einst das Volk führten. Er tröstet, macht Hoffnung und benennt die gesellschaftlichen Probleme. Außerdem erinnert er daran, wie Gott seine Verheißung erfüllt und sein Volk wieder zurückgeführt hat in die alte Heimat. Sollte Gott, der so Großes getan hat, nicht auch jetzt für die da sein, die auf ihn vertrauen?
Doch wer ist der, der von Gottes Geist erfüllt ist? Ausleger sind der Ansicht, dass nicht eine bestimmte Person damit gemeint ist, sondern die Gläubigen von Jerusalem: Die, die auch in Schwierigkeiten auf Gott vertrauen. Gott verkündet ihnen die frohe Botschaft von einer neuen Zeit und sie lassen sich von ihm in Dienst nehmen. Sie befolgen Gottes gute Gebote und helfen, seinen Heilsplan durchzusetzen, auch über die Grenzen von Stadt und Land hinaus. So werden die Gläubigen von Jerusalem zu Gottes Zeugen vor den Nationen, damit alle Menschen zum Heil finden.
Die Verse aus Jesaja 61 kommen noch einmal in der Bibel vor: in Lukas 4, als Jesus sein Wirken mit einer Predigt in Nazareth beginnt. Die Worte werden nun auf Jesus hin gedeutet. Auf ihm liegt der Geist Gottes. Mit ihm kommt Gottes Reich zu den Menschen. Und in ihm wendet sich Gott den Armen und Leidtragenden zu, um sie zu befreien und ihr Schicksal zum Guten zu wenden.
Diese verschiedenen Deutungen sind ein Beispiel dafür, wie alttestamentliche und neutestamentliche Auslegungen in unterschiedliche Richtungen gehen können. Grund dafür sind die Unterschiede im Glauben von Juden und Christen, die sich vor allem in dieser Frage zeigen: Ist Jesus der Messias, der Retter, den Gott schickt? Hat mit seiner Geburt Gottes Reich auf unserer Erde begonnen?
Trotz der Differenzen gibt es aber vieles, was Juden und Christen miteinander verbindet: Die Überzeugung, dass die Zeit des Heils begonnen hat, und dass Gott trotz vieler Krisen und Herausforderungen zu uns Menschen hält. Sein Reich wird dort sichtbar und entfaltet sich, wo Gerechtigkeit und Recht unter den Menschen wohnen und Unterdrückte aus Abhängigkeiten befreit werden. In einer Welt, in der Rechte, die für alle Menschen gelten, an Bedeutung verloren haben, und in der Politik oft das Gesetz des Stärkeren gilt, ist das eine wichtige Botschaft.