„Da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen.“ Der Eingangssatz des Abschnitts für den heutigen Sonntag erklärt nicht alles, aber er gibt eine Richtung vor. Der Weg Jesu ist kein abstraktes Ideal, sondern ein gelebter Weg, ein Weg durch Widerstand, Unrecht und Schmerz. Wer diesen Worten zuhört, merkt schnell, dass hier nichts beschönigt wird. Christsein bedeutet nicht, dem Leid auszuweichen, sondern sich an Christus zu orientieren, gerade dort, wo das Leben schwer wird.
In all dem geht es nicht zuerst um ein Prinzip des Leidens, sondern um Christus selbst. Er ist kein fernes Vorbild, das wir aus eigener Kraft nachahmen müssten. Christus steht nicht am Rand unseres Leidens und beobachtet es. Er kennt es von innen. Er weiß, wie sich Unrecht anfühlt, wie verletzend Worte sein können, wie einsam Schweigen werden kann. Ihm dürfen wir unser Leben anvertrauen, auch dort, wo wir keine Antworten haben und keine Kraft mehr spüren.
Mit Nachdruck wird hervorgehoben, dass Jesus unschuldig war. Er hat kein falsches Wort gesprochen, kein Unrecht begangen. Und doch musste er leiden. Er wurde beschimpft und bedroht. Statt sich zu verteidigen, hat er sein Leben und sein Anliegen Gott überlassen. Darin zeigt sich eine Haltung, die schwer auszuhalten ist, weil sie unserem spontanen Gefühl widerspricht.
Der Kirchenvater Augustinus hat dieses Geheimnis so beschrieben: „Christus hat gelitten, obwohl er es nicht musste, damit der Mensch nicht mehr allein leiden muss. Sein Schweigen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Vertrauen.“ Dieses Schweigen ist ein Festhalten an Gott mitten im Unrecht.
Das Leiden bleibt nicht bei Jesus stehen. Der erste Petrusbrief verbindet es ausdrücklich mit unserem Leben. Christus trägt unsere Sünden an seinem Leib ans Kreuz, damit wir der Sünde nicht mehr ausgeliefert sind, sondern frei werden für ein Leben, das sich an der Gerechtigkeit Gottes orientiert. Das bedeutet keinen moralischen Druck, sondern eine neue Möglichkeit zu leben, getragen von dem, der diesen Weg schon gegangen ist.
Besonders eindrücklich ist das Wort von den Wunden, durch die wir heil geworden sind. Wunden sind Zeichen von Verletzung, werden hier aber zum Ort der Heilung. Heilung heißt nicht, dass alles wieder so wird wie früher, sondern, dass die Verletztheit nicht das letzte Wort hat.
Am Schluss ist von Menschen die Rede, die sich wie Schafe verirrt haben. Wer sich verirrt, verliert die Orientierung. Nun aber sind sie zurückgekehrt zum Hirten. Dieses Bild spricht von Schutz, von Geduld und Nähe.
Der Abschnitt lädt nicht dazu ein, Leid zu suchen oder es um jeden Preis zu ertragen. Er lädt dazu ein, dem zu vertrauen, der im Leiden treu geblieben ist. In seiner Spur zu gehen, heißt nicht, alles zu verstehen, sondern zu vertrauen. Christsein erscheint hier als ein Weg, der nicht leicht ist, aber begleitet. Einer ist vorausgegangen. Und er bleibt.