Bei den meisten ist der Christbaum wieder abgebaut und die Kiste mit den Krippenfiguren wieder auf dem Dachboden verstaut. Weihnachten, das Fest des nahen Gottes, ist vorbei. Was bleibt vom Wunder der Heiligen Nacht? Von Glanz und Freude, vom „Jauchzet, frohlocket“ der festlichen Tage? Dürfen wir von Gott auch im Alltag etwas erwarten, lässt er sich ansprechen? Oder ist er wie ein flüchtiger Übernachtungsgast am nächsten Morgen wieder auf und davon?
Das neue Jahr liegt vor uns mit vielen Herausforderungen. Manchmal erschlagen sie einen geradezu. Wird es Möglichkeiten zum Frieden geben, wo jetzt noch Krieg und Gewalt herrschen? Welche Kräfte, Ideen, Anstrengungen setzen wir der drohenden Zerstörung unseres blauen Planeten entgegen? Tun wir genug gegen nationalistische Tendenzen, die die Demokratie gefährden mitten in unserem eigenen Land? Tun wir genug gegen antisemitische Stimmungen und Äußerungen? Und wie geht es mit der Kirche weiter? Welche Formen des Miteinanders werden wir als Gemeinden finden?
Herausforderungen zu erkennen, ist ein guter Anfang. Aber manchmal nimmt einem die Wucht der Herausforderungen auch den Atem. Dann steht man da wie gelähmt und verfällt in hoffnungslose Lethargie. Das ist nicht der ideale Ausgangspunkt, um etwas zum Guten zu bewegen.
Der Prophet Jeremia lebt um 600 vor Christus in Israel. Immer wieder muss er dem Volk im Namen Gottes Schweres ausrichten. Denn Ungerechtigkeit und Selbstsucht, fehlender Respekt vor dem Nächsten bleiben nicht ohne Folgen. Einzelne und das Land werden sie zu spüren bekommen, so seine Botschaft. Er hat als Prophet ein schweres Los. Angefeindet und misshandelt wird er dafür. Niemand will ihn hören.
Aber Jeremia spricht nicht über die Menschen hinweg. Er ist selbst einer von ihnen. Er ist nicht einfach ein Schwarzmaler. Er legt den Finger in die Wunde und sagt, was nicht gut ist. Und zugleich leidet er mit dem Volk, wenn die Quelle des Lebens versiegt. Und deshalb lässt er weder die Menschen noch Gott aus der Verantwortung entfliehen.
Wir sind nicht unbeteiligt daran, dass es mit der Welt so weit gekommen ist. Was wir tun können für das Leben, für das Miteinander, für Gerechtigkeit und Frieden, das müssen wir tun. Aber ohne Gottes Hilfe geht es nicht.
Jeremia ringt mit Gott und findet ungewöhnlich deutliche Worte und Bilder dafür: Gott, du kannst dich doch nicht aus dem Staub machen, wie ein Übernachtungsgast, dem es letztlich egal ist, was geschieht, weil er am nächsten Tag schon weitergezogen sein wird.
Und damit nicht genug. Es muss die pure Not sein, die Jeremia verzweifelt sagen lässt: Warum plusterst du dich auf als Held, wenn du dann doch nicht helfen kannst? Er packt den Höchsten bei seiner Ehre: Denk doch an deinen Namen. Weil du Gott bist, kannst du uns doch nicht uns selbst überlassen. Du bist ja doch unter uns, Herr. Und wir heißen nach deinem Namen.
Hier blitzt für Christinnen und Christen das Wunder der Heiligen Nacht wieder auf. Im Kind in der Krippe teilt Gott unser Leben. Die Herausforderungen sind groß. Aber im Vertrauen auf sein menschgewordenes Versprechen können wir uns den Aufgaben stellen, die auf uns warten. Wir wollen es wenigstens versuchen. Er gebe uns seinen Segen dazu.