„Wir segnen Gott, der uns erwählt hat aus allen Völkern.“ Dieser Satz ist ein Segensspruch, der bei einer Thoralesung in der Synagoge gesprochen wird. In dem Predigttext geht es um die bleibende Erwählung Israels. Die Erwählung Israels ist ein Grundpfeiler jüdischer wie christlicher Theologie. Dass Gott Israel erwählt, ist kein Vertrag zweier gleichberechtigter Partner. Gott hat Israel aus freien Stücken gewählt, nicht weil Israel größer als andere Völker gewesen wäre, sondern weil er Israel liebt.
Erwählt zu sein ist eine Auszeichnung, die verpflichtet. Die Geschichte des jüdischen Volkes zeigt, dass das Wissen um die Erwählung oftmals zu Neid, Ausgrenzung und Verfolgung geführt hat. Jüdischer Humor, der freche, kleine Bruder der Theologie, findet für diese heiklen Zusammenhänge eine leichte Sprache. In dem Musical „Anatevka“ („Der Fiedler auf dem Dach“) hadert der Milchmann Tewje mit seinem Gott. Er betet: „Ich weiß, ich weiß. Wir (Juden) sind dein auserwähltes Volk. Aber kannst du dir nicht ab und zu ein anderes aussuchen?“
So etwas wurden in der Geschichte der Christenheit schon gedacht. Es gibt eine lange antijudaistischer Theologie. Diese meint, dass Gott seit der Kreuzigung Jesu Israel verworfen habe. Anstelle Israels sei nun die Kirche zum neuen Volk Gottes erwählt. Vor dem Straßburger Münster ist diese Theologie Stein geworden. Zu sehen sind dort zwei Frauenfiguren: Mit gesenktem Kopf steht da die Synagoge, daneben die Kirche mit dem Lächeln der sicheren Siegerin. Die Augen der Synagoge sind verbunden. Der Stab in ihrer Hand ist zerbrochen. Die Tafel mit den Geboten ist ihr entglitten. Platt wird hier der Unglauben des jüdischen Volkes vorgeführt. Neben der Figur der gedemütigten Synagoge steht die Figur der siegreichen Kirche. Ihr Haupt ist stolz erhoben. In der Hand hält sie eine Kreuzesfahne und den Kelch des Heils. Das ist eine finstere Theologie, die dem biblischen Zeugnis widerspricht.
Dass Christus von Gott erwählt ist, wird an vielen Stellen im Neuen Testament bezeugt. Bei der Verklärung Jesu heißt es: „Dies ist mein auserwählter Sohn; den sollt ihr hören“ (Lukas 9,35). Sind damit nun auch wir Christen erwählt? Die Antwort auf diese Frage führt zur Taufe. In der Taufe werden die Getauften mit Christus verbunden. Gott ist hier selbst am Werk. Er verspricht, dass er dem Getauften ein gnädiger Gott sein will.
Für moderne Menschen ist das ein starkes Stück. Für den modernen Menschen ist das Leben wie ein fortwährender Einkauf im Supermarkt. Der Mensch wählt, was in den Kühlschrank und auf den Tisch kommt. Er wählt seinen Beruf, seinen Wohnort und auch, wen er liebt. Selbst im Bereich des Religiösen wird gewählt. Der christliche Glaube ist zu einer Option unter vielen geworden. Beim Glauben der Herkunftsfamilie zu bleiben, ist heute auch eine bewusste Entscheidung. Zu diesem Denken steht die Taufe gänzlich quer, denn die Taufe ist ein Geschenk. Ihre Botschaft heißt: Du lebst nicht aus dem, was du schaffst und was dir gelingt. Du lebst aus einer Beziehung, die dir vorausgeht. Dass du geliebt wirst, hat keinen Grund in dir. Dass du von Gott geliebt wirst, hat seinen Grund allein in Gott, der sich uns zuwendet. Das ist stark.