Liebt eure Feinde? Wie kann ich denn wohltun jemandem, der Gerüchte über mich in die Welt setzt, der mir Böses will? Jeder von uns kennt Situationen, in denen uns Unrecht getan wurde, über uns Lügen erzählt wurden, jemandem etwas weggenommen wurde. Und wir lächeln nicht dazu.
Nein, Feinde zu lieben ist nicht leicht. Es gibt Methoden, wie man es schafft, in solchen Situationen die Fassung zu behalten. Ob ein kurzes Gebet zu sprechen, sich klarzumachen, dass es keine lebensbedrohliche Situation ist, oder den anderen einfach bewusst anzulächeln – es gibt viele Möglichkeiten, den Ärger nicht zu groß werden zu lassen. Im Text aber ist von Ärger gar nicht die Rede.
Darin geht es auch nicht darum, sich seine Verletzung oder den Ärger nur nicht anmerken zu lassen, sondern man soll denjenigen, die sich falsch verhalten, auch noch wohltun, sie segnen, ihnen etwas schenken. Das ist nicht nur anspruchsvoll, sondern einfach realitätsfremd. Wenn meinem Kind etwas angetan wird, dann stehe ich nicht daneben und ermutige denjenigen auch noch. Wenn man mir absichtlich etwas wegnimmt, was mir wichtig ist, frage ich nicht, ob ich noch was dazulegen darf.
In der Seelsorge gibt es eine Methode, die sich paradoxe Intervention nennt. Wenn einem jemand etwas erzählt und sich dabei im Kreis dreht, dann hilft diese Methode manchmal. Vielleicht will Lukas uns zu solchen paradoxen Interventionen ermutigen, wenn er so etwas schreibt.
Vor ein paar Tagen hat ein Mann bei mir geklingelt. Er sagte, er sei arm und fragte, ob ich etwas zu essen für ihn hätte. Meist wollen die Menschen, die bei mir klingeln Geld. Ich gebe privat nie Geld, weil mir die Begründungen oft zu fadenscheinig sind. Dieser Mann wollte nur Essen. Ich suchte ihm Nudeln, eine Dose Tomaten, Lauch, frisches Obst und Käse zusammen. Überlegte noch, ob ich die letzte Packung Spätzle tatsächlich geben soll. Als ich an die Tür kam, bedankte er sich und sagte: „Lauch ist schwierig, das müsste ich kochen und ich habe nichts. Die Nudeln bringen mir auch nichts.“ Ich nahm die Nudeln zurück und stand mit Tränen in den Augen hinter der verschlossenen Tür.
Paradoxe Intervention. Eine Reaktion eines Menschen, mit der man nicht rechnet verändert unser System. Es ist, als ob man auf null zurückgesetzt wird und noch einmal neu beginnen kann. „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ Ich glaube, Lukas geht es dabei gar nicht in erster Linie um den, dem Unrecht getan wurde, sondern um den, der sich falsch verhalten hat. Indem ich anders reagiere als es in dem Moment zu erwarten wäre, durchbreche ich ein kleines Stück die Realität des anderen. Für einen Moment kann es sein, dass bei uns ein Stück Himmel wird.
Dieser Text aus dem Lukasevangelium erinnert an die Bergpredigt bei Matthäus, bekräftigt so die Gültigkeit dieser Vorstellungen und bringt sie in Verbindung mit Jesus Christus. Gott stellt klar vor Augen, dass er die Menschen erlöst hat und wahrnimmt, sie liebt und freimacht. Lukas schreibt es ähnlich: „Denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Lukas sagt den Menschen, seht doch, Gott ist gütig. Er nimmt die Folge für eure Schuld auf sich, damit ihr frei seid. Meint ihr nicht, dass ihr dann eurem Gegenüber auch mit einem bisschen dieser Liebe begegnen könnt?