Wie schön, dass uns das Bild vom Weinstock und den Reben in unseren württembergischen Weinbergen immer wieder begegnet. Jesus erklärt uns damit einerseits, wer wir Menschen sind. Zum anderen macht er deutlich, wer Gott ist. Wir Menschen sind Beziehungswesen: „Ihr seid die Reben“, sagt Jesus zu uns.
Was sind eigentlich Reben? Im griechischen Urtext wird klar, welcher Bereich des Weinstocks damit konkret gemeint ist. Es sind die grünen Wachstumstriebe, die im Winter noch fehlen, im Frühling aber voller Kraft ins neue Erntejahr sprießen. Die Reben wachsen aus dem alten Rebstamm heraus und sind dazu bestimmt, Blätter und Früchte hervorzubringen. Reben sind nur verbindende Durchgangspflanzenteile. Die Rebe ist nicht um ihrer selbst, sondern um der Frucht willen da. Die Rebe empfängt den Rebsaft aus der Wurzel und gibt ihn weiter. Sie gewinnt ihren Sinn durch die gelebte Verbindung zum Stamm und zu den Früchten. Sieben Mal kommt im Predigttext das Wort „bleiben“ vor. Das ist die Aufgabe der Rebe. Wenn der Mensch in der Beziehung zu Gott und zum Nächsten bleibt, findet er seine Bestimmung. Einsamkeit ist mittlerweile zur Volkskrankheit geworden. Soziale Isolation ist gesundheitsschädlich und bringt Depressionen mit sich. Wir Menschen sind zum Leben in Beziehung zu Gott und zum Menschen berufen: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18).
Für den Menschen verwendet Jesus das Bild von der Rebe. Für Gott benutzt Jesus zwei unterschiedliche Bilder. Als Vater Jesu Christi ist er der Weingärtner. Ohne den Weingärtner gäbe es den Weinstock gar nicht. Er ist die Ursache des Lebens, der Schöpfer aller Dinge. Manchmal sieht der Weinstock den Weingärtner wochenlang nicht. Manchmal fegen Stürme durch den Weinberg. Der Mensch beginnt zu zweifeln. „Ich leide an der Unsichtbarkeit Gottes“, formuliert es Dietrich Bonhoeffer. An finsteren Tagen ruft er zum Besitzer des Lebens: „Herr, wo bist du?“ Jesus Christus, der Sohn des „Weingärtners“, vergleicht sich selbst mit dem Weinstock.
Ich meinte früher, die Rebe hinge am Weinstock wie ein Ast am Baumstamm. Doch das ist falsch. Der Weinstock ist nicht nur der Rebstamm, sondern die komplette Pflanze von der Wurzel bis zu den Früchten. Der Weinstock ist alles zusammen. Damit tröstet Jesus die Fragenden, wenn er sich als Weinstock bezeichnet. Er sagt damit: „Ich bin in dir und bei dir in den Stürmen der Widrigkeit genauso wie an den Sonnentagen des Glücks.“ Das Bild vom Weinstock und den Reben enthält keine Aufforderung. Bleiben ist etwas Passives. Wachstum können wir nicht machen. Es ist kein Aufruf, sondern eine Ermutigung zum Bleiben und zum Vertrauen. Jesus ist da.
Ich bin nicht in einem Weinbaubetrieb aufgewachsen, sondern in einer Metzgerei. Dennoch habe ich gelernt, wie viel Segen auf dem Bleiben und auf der Treue liegt. Wir hatten Kunden, die ihr Leben lang nur bei meinen Eltern und ihre Wurstwaren einkauften. Es gab sogar solche Kunden, die Anfang des Jahres fragten, wann denn unsere Betriebsferien seien, damit sie zu dieser Zeit auch Urlaub machen könnten, und nirgendwo anders einkaufen müssten. Das Verhältnis zueinander war nicht nur ein geschäftliches, sondern ein zutiefst persönliches. Man hat sich in schönen und schweren Zeiten des Lebens wechselseitig begleitet. Ich habe zuhause gelernt, wieviel Kraft und Sinn auf der Treue liegt.