„Kannst du mal schauen? Ich hab da was im Auge!“ Wie gut, wenn man jemanden hat, an den man sich mit so einer Bitte wenden kann. Denn wer etwas im Auge hat, ist selbst fast blind. Das Auge brennt, man reibt und blinzelt, und es ist vollkommen aussichtslos, tränenüberströmt im Spiegel etwas zu erkennen oder gar mit einer Pinzette zu hantieren. Man braucht einen anderen, der einem vorsichtig und sanft einen Splitter aus dem Auge zupft. Am besten jemanden mit klarem Blick.
Im Bild, das Jesus verwendet, fällt deshalb umso mehr auf, wie absurd die Vorstellung ist, dass jemand mit Balken im Auge überhaupt versucht, seinem Mitmenschen einen Splitter aus dem Auge zu entfernen. Das kann nicht gutgehen, ist eigentlich undenkbar. Hat Jesus es hier womöglich mit der Plakativität seines Bildes übertrieben? Oder liegt im Balken aus dem Gleichnis nicht sogar der überdeutliche Wink mit dem Zaunpfahl verborgen, mit solchen Versuchen mehr als vorsichtig zu sein?
Und was im Predigttext so anschaulich ausgedrückt ist, gilt durch den Kontext der umliegenden Verse auch im übertragenen Sinn: Nur wer selbst einen klaren Blick hat, kann andere führen, ihnen raten oder sich ein Urteil bilden. Wer selbst blind ist, führt die anderen Blinden zu keinem guten Ziel. Umso mehr drängt sich die Frage auf, wie man das macht – den eigenen sinnbildlichen Balken aus dem Auge ziehen?
Die Antwort bietet der Text selbst an: Man bittet um Hilfe, statt an sich selbst herum zu operieren. Man braucht jemand anderes, der einen klaren Blick hat und einem den Spiegel vorhalten kann. Geschieht das heilsam und sanft – genauso, wie man einen Splitter aus dem Auge entfernen würde – dann kann das einen Perspektivwechsel auf das eigene und auf anderes Leben anstoßen.
Für Jesus ist das eine Weisheit, die nicht nur im Zwischenmenschlichen gilt. „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus, und damit schließt sich an diesem Sonntag auch der Kreis zum Anfang des Textes. Wenn diese Verse vom Balken im eigenen Auge nur eine Aufforderung zur Selbstoptimierung wären, käme es schnell zur Überforderung. Lebbar werden sie durch die ansteckende Großzügigkeit, mit der Gott uns Menschen behandelt. Man muss keine Angst haben, durch Barmherzigkeit anderen gegenüber selbst zu kurz zu kommen, wenn Gott uns mindestens ebenso reich beschenkt: Wer erlebt hat, dass Gottes Blick auf das eigene Leben freundlich ist, dass er versöhnt, statt zu verurteilen, der wird auch leichter selbst mit klarem Blick und dennoch freundlich und nachsichtig auf seine Mitmenschen schauen können.