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Impuls

Zu den Ufern der Liebe

Impuls zum 7. Sonntag nach Trinitatis: Hebräer 13,1-3.

Hebräer 13,1-3 (in Auszügen) 

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene.

Portraitfoto von Sylvie Avakian
privat
Sylvie Avakian ist Pfarrerin in Stuttgart-­Heslach und Dozentin für Systematische Theologie an der Universität Tübingen.

Mit „brüderlicher Liebe“ („philadelphía“) im ersten Vers des Predigttextes bezieht sich der Verfasser auf die Liebe zwischen Brüdern und Schwestern innerhalb der christlichen Gemeinde. Ursprünglich bezeichnete „philadelphía“ die Zuneigung zwischen leiblichen Geschwistern, also innerhalb der Familie. Im Neuen Testament wird diese Bedeutung auf die gegenseitige Liebe innerhalb der Gemeinde übertragen. So wird sie zu einem Band, das die Gemeinschaft zusammenhält.

Die brüderliche Liebe steht somit für die Liebe zu den Menschen im eigenen unmittelbaren Umfeld. Sie geht davon aus, dass der Mensch aus seiner Selbstbezogenheit heraustritt und sich dem Bruder oder der Schwester in Liebe und Fürsorge zuwendet. An dieser Stelle wird der Leser an das Gleichnis vom verlorenen Sohn im Lukasevangelium erinnert. Dort kommt Gottes Liebe auf sehr persönliche Weise zum Ausdruck: im engsten familiären Rahmen, nämlich durch die Liebe eines -Vaters zu seinem Sohn, während der ältere Sohn es versäumt, seinem Bruder mit Liebe zu begegnen.

Im Weiteren wird der Leser zu einer gastfreundlichen Haltung aufgerufen. „Gastfreundschaft“ – im Griechischen „philoxenía“ – bedeutet wörtlich „Freundlichkeit gegenüber dem Fremden“. So wird deutlich: Während die brüderliche Liebe den eigenen engen Kreis einschließt, reicht die Gastfreundschaft über den vertrauten Kreis hinaus.

Die Öffnung gegenüber dem Fremden kann auf vielfältige Weise geschehen. Hier erscheint mir die Begegnung zwischen Jesus und der Samariterin am Brunnen besonders aufschlussreich (Johannes 4,5-42). Bemerkenswert ist, dass sich die Frau Jesus öffnet, ohne jegliche Vorbereitung. Gerade in ihm, dem „Fremden“, begegnet sie dem Heiland, der ihr Leben von Grund auf verwandeln kann. So wird deutlich: Um dem Anderen zu begegnen, muss sich der Mensch der anderen Seite zuwenden. Diese Wendung kann jedoch in eine Richtung führen, die ihm völlig unbekannt ist. Sie kann ihn aus seiner gewohnten Welt herausreißen und jene Sicherheiten erschüttern, die er sich im Laufe seines Lebens aufgebaut hat. In einer Zeit der Berechnung und Kalkulation mag eine solche Wendung sogar irrational erscheinen. Dennoch bezeichnet eine solche Hinwendung zum Anderen eine Haltung der Offenheit und Barmherzigkeit. Sie bewahrt den menschlichen Geist davor, in Selbstgefälligkeit und Selbstgenügsamkeit zu verfallen – auch innerhalb der engen und vertrauten Kreise.

Zuletzt führt der Verfasser des Hebräerbriefs seine Gemeinde an die weiten Ufer der Liebe. Dort wird jeder gesehen, aufgenommen und geliebt – auch jene, die in der Welt Ungerechtigkeit erleiden, benachteiligt sind, missverstanden oder ausgegrenzt werden. Dort verschwinden alle Grenzen. Und niemand wird „fremd“. Dort öffnet sich der weite Horizont, das weite Meer der Einheit und des Friedens. Dort wird die Liebe möglich sein.

An diesen Ufern begegnen wir Jesus, der mit den gesellschaftlich Verachteten aß und die Ausgestoßenen aufsuchte. An diesen Ufern wird jeder den Schmerz des anderen spüren, bis aller Schmerz vergeht und alle das gemeinsame Mahl mit Gott feiern. An den Ufern des Meeres der Liebe wird alles Ersehnen erfüllt und die Liebe hat das letzte Wort. 

Gebet

Gott, unser himmlischer Vater, führe uns heute an die Ufer deiner Liebe, wo die Sonne das Lied der Liebe singt. Nimm alle Grenzen hinweg, vor denen wir oft hilflos stehen, und lass uns dich im Antlitz jedes Menschen ­erkennen. Verwandle unser Leben durch das Wehen ­deiner Liebe. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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