Prälatur Heilbronn

Schlaue Produktion

HEILBRONN-KIRCHHAUSEN – Was der Industrie dient, kann auch den Menschen helfen. So ist es in der Lebenswerkstatt, einem diakonischen Unternehmen. Dank durchdachter Abläufe kommen Menschen mit Einschränkungen besser mit ihrer Arbeit zurecht.

Produktionslinie Heilbronn
Foto: Stefanie Pfäffle
An der neuen Produktionslinie: In der Mitte ist die Waage mit der Ampel zu sehen.

Als Henry Ford die Fließbandproduktion einführte, war das eine Revolution. Statt vieler Fertigkeiten wie im Handwerk war jetzt nur noch eine gefragt und diese immer wieder. Automobilhersteller Toyota führte beides wieder zusammen, was die Produktion noch effizienter machte. „Lean production“ wurde das genannt, also schlanke Produktion.

In der Lebenswerkstatt (LW) in Heilbronn- Kirchhausen werden die Prinzipien auch angewendet. So können Menschen mit Behinderung deutlich einfachere Arbeitsschritte erledigen. Hier heißt es dann auch lieber „schlaue Produktion“.

Die Schachtel ist gefaltet, jetzt führt Timur Arzumann über die große Schütte die dicken Schrauben in die Verpackung. Bis eine kleine Schranke hochfährt und dem 23-Jährigen signalisiert, dass genügend Teile gefallen sind. „Es kommen 50 rein, das hab ich schon ein bisschen im Gefühl“, sagt er. Kein Wunder, es ist ja auch sein liebster Arbeitsplatz, innerhalb dieser Produktionslinie und generell in Kirchhausen. Am dortigen Standort der LW wurde an der Entwicklung verbesserter Arbeitsabläufe getüftelt, um so viele Menschen mit Behinderung wie möglich zu beschäftigen, ohne dass diesen dabei langweilig wird.

Das Prinzip der schlauen Produktion hat das diakonische Sozialunternehmen schon 2014 gemeinsam mit der Hochschule Esslingen eingeführt. Jeder der acht Standorte von Talheim bis Crailsheim tüftelte von da an alleine weiter. „Jede Werkstatt hat ihre Perlen und Christof Sanwald wollte als Leiter des zentralen Vorrichtungsbaus diese Perlen bergen“, erklärt Frank Schmidt, seit 2019 bei der LW und seit Februar 2022 Standortleiter in Heilbronn-Kirchhausen.

Der Vorrichtungsbau, inzwischen unter der Leitung von Michael Baumann, ist in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung unverzichtbar, denn dort werden die unterschiedlichen Hilfsmittel entwickelt, damit die Mitarbeiter ihre Aufgaben überhaupt und vor allem fehlerfrei erledigen können. Als zertifizierter Zulieferer für die Industrie ist das unerlässlich. Sanwald und Schmidt schauten sich am Standort Schwäbisch Hall die Verpackung von Schrauben für die Firma Würth genau an. „Dort gab es bereits 2019 sehr gute Standards“, betont Schmidt. Im Sinne der Wertstromoptimierung begutachtete das Duo den Prozess vom Warenausgang rückwärts zum Wareneingang, suchte nach Verbesserungsmöglichkeiten und setzte sie um.

Melanie Hanzlik
Stefanie Pfäffle
Gruppenleiterin Melanie Hanzlik zeigt, wie der Vakuumlifter den Transport schwerer Kartons erleichtert.

Auch während Corona optimierte der Vorrichtungsbau die Produktionslinie weiter. „Als ich in Kirchhausen anfing, brauchte Würth gerade dringend neue Lieferanten, also haben wir die Chance genutzt.“ 90 000 Euro wurden in sechs Arbeitslinien und einen Vakuumlifter investiert. Der Lifter hilft, die Großpackungen leichter transportieren zu können. Die Linien funktionieren so, dass bis zu fünf schwächere Mitarbeiter Einzelschritte erledigen oder stärkere mehrere hintereinander machen können.

Im ersten Schritt werden Schachteln gefaltet. An der zweiten Station werden diese über die Schütte gefüllt. Der Flaschenhals, an dem es immer wieder stockte, war die dritte Station, an der gezählt werden musste. Nicht jeder Mitarbeiter kann zählen und wenn, dann eher langsam. „Wir haben deswegen schon an der Schütte eine Waage eingebaut, die wiederum die Schranke aktiviert. Jetzt muss der nächste Mitarbeiter nur noch an seiner Waage mit Ampelfunktion zwei, drei Schrauben rausnehmen oder dazulegen“, erläutert Schmidt. Ein automatischer Tesa-Abroller Erleichtert das Verschließen. Nun fehlt nur noch das Etikett und dann ab in den Karton, inklusive Qualitätskontrolle. „Das ist viel besser als vorher mit der alten Waage“, findet etwa Andrea Weiss. Und ganz schön schlau.

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