Prälatur Stuttgart

Heimat sein für alle

DENKENDORF (Dekanat Esslingen) – Einmal im Monat treffen sich Menschen mit Behinderung zur gemeinsamen Freizeitgestaltung im CVJM-Vereinshaus in Denkendorf. Jürgen Kurz leitet seit 1996 den „Club“, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Für sein ehrenamtliches Engagement ist Kurz jetzt mit der Landesehrennadel ausgezeichnet worden. Von Ulrike Rapp-Hirrlinger

Jürgen Kurz Stuttgart
Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger
Jürgen Kurz am CVJMVereinshaus in Denkendorf. Der 56-Jährige möchte die Menschen zum Nachdenken anregen.

Ein Leben ohne den Club kann sich Jürgen Kurz nicht mehr vorstellen. „Der Club ist für mich wie eine ­Familie, mein Lebensmittelpunkt“, sagt der 56-jährige gebürtige Denkendorfer. Dabei kam Kurz 1985 bei einem integrativen Jungscharlager des CVJM Denkendorf eher zufällig mit dem Angebot für Menschen mit Handicap in Berührung. Doch schon im nächsten Jahr schloss er sich dem ehrenamtlichen Mit­arbeiter-Team an.

Die Idee für den Club entstand 1973, als der damalige Vorsitzende des CVJM Denkendorf, Gottlieb Kirschner, und der frühere Vorsitzende der Lebenshilfe Esslingen, Eugen Fritz Wagner, sich Gedanken über Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung machten, die in einer Behindertenwerkstatt in Esslingen beschäftigt waren. Der CVJM öffnete dafür sein Vereinshaus. Finanziert wird ein Großteil der Arbeit über Spenden.

Rund 30 Menschen mit Behinderung treffen sich am ersten Samstag im Monat in Denkendorf zur gemein­samen Freizeitgestaltung. Organisiert wird der Club rein ehren­amtlich. Ein Team von derzeit zwölf Frauen und Männern steht Jürgen Kurz zur Seite. Und doch bringt der Elektromeister einen großen Teil seiner Freizeit und auch seines Urlaubs in die Organisation ein. Schließlich soll das Angebot attraktiv sein. Sport und Spiele, Basteln und Kochen, ­Musizieren, kleine Ausflüge oder auch Disko und Karaoke stehen auf dem Programm. Bei einem Altersspektrum von 18 bis über 80 Jahre unterscheiden sich die Bedürfnisse. Es muss für jeden etwas dabei sein. Einmal im Jahr gibt es zudem einen größeren Ausflug, alle zwei Jahre eine mehrtägige Freizeit.

Die Nachmittage sollen die Möglichkeit geben, Gemeinschaft zu erleben. Dabei werden auch religiöse Themen angesprochen. „Ich möchte den behinderten Menschen vermitteln, dass sie ein Geschenk Gottes sind und eine Daseinsberechtigung wie jeder andere haben“, sagt Jürgen Kurz. Im Club werde jeder so angenommen, wie er sei. Herzlichkeit und Ehrlichkeit prägten den Umgang miteinander. „Hier spielen Äußerlichkeiten keine Rolle, sondern die Person steht im Vordergrund. Wir wollen Heimat sein für alle – eine Gemeinschaft ohne Vorurteile und Vorbehalte.“ Das tue auch ihm gut, betont Kurz. Und so sagt er heute: „Der Club ist für mich Heimat. Hier darf auch ich sein, wie ich bin.“

Nach fast vier Jahrzehnten erklärt Jürgen Kurz: „Mit dem Club habe ich meinen Weg gefunden. Er ist ein Ort, an dem ich mich verwirklichen und etwas bewegen kann.“ Denn ihm liegt es am Herzen, auch in die Gesellschaft hineinzuwirken. „Ich möchte die Menschen zum Nachdenken darüber anregen, wie wir mit Menschen mit Behinderung umgehen.“ Der integrative Gedanke ist Jürgen Kurz wichtig. „Ich versuche, spie­lerisch Begegnungen mit Menschen ohne Behinderung zu schaffen.“ Deshalb gibt es immer wieder gemeinsame Nachmittage mit der CVJM-Jungschar.

 

Informationen zum Club des CVJM

Denkendorf unter Telefon 0711-3430775

Das Engagement im Club hat Jürgen Kurz verändert. „Ich bin offener, neugieriger auf andere Menschen und sensibler geworden.“ Heute stecke er Menschen nicht mehr schnell in eine Schublade, sondern versuche, eine Person erst einmal kennenzulernen, bevor er urteile. Der Umgang mit Menschen mit Handicap hat ihn zudem aufmerksamer gemacht. „Mir fallen Dinge auf, wo andere nicht hinschauen. Etwa, wenn jemand Hilfe braucht.“

Weitere Artikel aus der Prälatur Stuttgart