Prälatur Stuttgart

Viel Leid und ein gutes Ende

ASPACH (Dekanat Ludwigsburg) – Mit ihrem an Tourette erkrankten Sohn Florian ist Sabine Eisenmann regelrecht durch die Hölle gegangen. Weil weder sie noch ihr Sohn oder ihre Ehe daran zerbrochen sind, hat die gläubige und vielfach engagierte Aspacherin ihre Leidensgeschichte festgehalten. Entstanden ist ein Mutmacher-Buch.

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Unsplash/Toa Heftiba
Einfache motorische Tics äußern sich beispielsweise durch Grimassenschneiden, Augenblinzeln oder Kopfwerfen.
Foto: Leonhard Fromm
Sabine Eisenmann hat ihre Erfahrungen mit der Krankheit ihres Sohnes zu einem Buch verarbeitet.

Die 62-jährige Sabine Eisenmann ist eine lebenslustige Frau, die mit Ehemann Volker und den Söhnen Florian und Max in Aspach wohnt. Sie singt viele Jahre im Kirchenchor, später in zwei ambitionierten Gospelchören in Schorndorf („Chorlight“) und Winnenden („Citylight“), engagiert sich beim Frauenfrühstück ihrer Kirchengemeinde und ist Teil eines Haus- und Bibelkreises. „Mein christlicher Glaube und mein Netzwerk, dessen Kern meine Eltern und beiden Schwestern mit ihren Familien bildeten, haben mich nicht verzweifeln lassen“, sagt die Friseurmeisterin heute, die seit vielen Jahren als Musiktherapeutin mit Kindern arbeitet. Denn der erstgeborene Florian, der bereits als Säugling massiv unter Neurodermitis litt, wird mit acht, neun Jahren immer verhaltensauffälliger. Er wirft mit obszönen Wörtern um sich, spuckt über den Tisch oder beschimpft Passanten aufs Übelste.

Mir war mein eigenes Kind peinlich und ich hatte massive Selbstzweifel

sagt Sabine Eisenmann

Als dann der Kinderarzt ihr riet, sich bei der Erziehungsberatungsstelle Hilfe zu holen, war ein erster Tiefpunkt erreicht. Hinzu kamen Querelen in der Ehe, weil die Eltern unterschiedlicher Auffassung waren, wie mit Florian zu verfahren sei. Neben der Bibel las Sabine Erziehungsratgeber, um sich Hilfe zu holen. Denn die Aussetzer des Sohnes, der bald einen jüngeren Bruder hatte, bot auch in Kindergarten, Grundschule oder Sportverein immer wieder Angriffsflächen, erforderten Erklärungen, Rechtfertigungen und Entschuldigungen.

Solange wir nicht wussten, was Florian fehlt, war das wie ein Horrortrip

erinnert sich die Mutter

Tagsüber war sie mit den Söhnen allein war, weil ihr Mann im Außendienst arbeitete. Das Schlimmste sei gewesen, dass sich Mutter und Sohn wechselseitig heimlich beobachteten. Denn intuitiv spürte der Zehnjährige, dass sein Verhalten die Mama stresst, weshalb er versuchte, seine Ticks unbemerkt von ihr auszuagieren. Sie wiederum observierte ihn umso lückenloser, um nichts zu verpassen. Hilfreich war, dass Freunde, Nachbarn und Gemeindemitglieder Florian so nahmen, wie er sich gab, sodass keine zusätzlichen Konflikte wie Ausgrenzung, Rückzug oder Scham drohten. Doch der Terminkalender war mit Arztterminen, Untersuchungen und Besprechungen gefüllt, bei denen immer die Botschaft mitschwang, Florian sei nicht okay.

Das Tourette-Syndrom ist eine angeborene Erkrankung des Nervensystems. Häufig ist die Ursache durch Veränderungen am Erbgut bedingt. Hauptmerkmale sind unwillkürliche Bewegungen („Tics“) sowie Tic-artige laut- oder sprachliche Äußerungen.

„Mein Vertrauen auf Gott hat mir sehr geholfen“, sagt die Aspacherin, die noch heute ihre Tage mit ihrer Bibel-App auf dem Smartphone beginnt. So deutete sie es als Zeichen, dass Florians Lehrerin am Ende seiner Grundschulzeit den Eltern nahelegte, ihren Sohn trotz seiner Auffälligkeiten auf eine weiterführende Schule gehen zu lassen. Und als ein Psychiater dem Zwölfjährigen Tourette diagnostizierte und ihn mit Tabletten sedierte, war das für die Eltern wie ein Befreiungsschlag:

Endlich war klar, dass wir nichts falsch gemacht hatten.

 

Da sie ohnehin Notizen über den Krankheitsverlauf gemacht hatte, reifte 2014 der Impuls, darüber zu schreiben. Das Buch unter dem provozierenden Titel „Ficken, Fotze, Feuerfrei“ ist 2023 im Eigenverlag erschienen. In zehn Kapiteln gibt Eisenmann intime Einblicke. Heute sagt sie: „Uns hat das Buch geholfen, das Erlebte aufzuarbeiten.“ Und: Ihr Sohn ist im Beruf und im Leben inzwischen gut angekommen.

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