Die 62-jährige Sabine Eisenmann ist eine lebenslustige Frau, die mit Ehemann Volker und den Söhnen Florian und Max in Aspach wohnt. Sie singt viele Jahre im Kirchenchor, später in zwei ambitionierten Gospelchören in Schorndorf („Chorlight“) und Winnenden („Citylight“), engagiert sich beim Frauenfrühstück ihrer Kirchengemeinde und ist Teil eines Haus- und Bibelkreises. „Mein christlicher Glaube und mein Netzwerk, dessen Kern meine Eltern und beiden Schwestern mit ihren Familien bildeten, haben mich nicht verzweifeln lassen“, sagt die Friseurmeisterin heute, die seit vielen Jahren als Musiktherapeutin mit Kindern arbeitet. Denn der erstgeborene Florian, der bereits als Säugling massiv unter Neurodermitis litt, wird mit acht, neun Jahren immer verhaltensauffälliger. Er wirft mit obszönen Wörtern um sich, spuckt über den Tisch oder beschimpft Passanten aufs Übelste.
Mir war mein eigenes Kind peinlich und ich hatte massive Selbstzweifel
sagt Sabine Eisenmann
Als dann der Kinderarzt ihr riet, sich bei der Erziehungsberatungsstelle Hilfe zu holen, war ein erster Tiefpunkt erreicht. Hinzu kamen Querelen in der Ehe, weil die Eltern unterschiedlicher Auffassung waren, wie mit Florian zu verfahren sei. Neben der Bibel las Sabine Erziehungsratgeber, um sich Hilfe zu holen. Denn die Aussetzer des Sohnes, der bald einen jüngeren Bruder hatte, bot auch in Kindergarten, Grundschule oder Sportverein immer wieder Angriffsflächen, erforderten Erklärungen, Rechtfertigungen und Entschuldigungen.
Solange wir nicht wussten, was Florian fehlt, war das wie ein Horrortrip
erinnert sich die Mutter
Tagsüber war sie mit den Söhnen allein war, weil ihr Mann im Außendienst arbeitete. Das Schlimmste sei gewesen, dass sich Mutter und Sohn wechselseitig heimlich beobachteten. Denn intuitiv spürte der Zehnjährige, dass sein Verhalten die Mama stresst, weshalb er versuchte, seine Ticks unbemerkt von ihr auszuagieren. Sie wiederum observierte ihn umso lückenloser, um nichts zu verpassen. Hilfreich war, dass Freunde, Nachbarn und Gemeindemitglieder Florian so nahmen, wie er sich gab, sodass keine zusätzlichen Konflikte wie Ausgrenzung, Rückzug oder Scham drohten. Doch der Terminkalender war mit Arztterminen, Untersuchungen und Besprechungen gefüllt, bei denen immer die Botschaft mitschwang, Florian sei nicht okay.