Torsten Krannich ist seit 100 Tagen im Amt

Bilanz nach 100 Tagen

ULM – Seit 100 Tagen ist Torsten Krannich Dekan in Ulm, trägt Verantwortung für das Ulmer Münster, das die größte evangelische Kirche Deutschlands ist und den höchsten Kirchturm der Welt hat, sowie für die anderen Kirchengemeinden in Ulm. Ein erstes Resümee. Von Dagmar Hub

Ulm
Foto: Dagmar Hub
Torsten Krannich ist seit drei Monaten in seinem Amt als Dekan in Ulm.

Er hat gerade in einem kurzen Moment der Ruhe ein neues Vogelhäuschen im oberhalb der Donau gelegenen Garten des Ulmer Dekanats aufgebaut. Ein Gefühl des Angekommenseins ist mit der Handlung verbunden: Wer auch an die hungrigen Vögel denken kann, hat den Stress der ersten Zeit überwunden. Torsten Krannich kam nach Ulm in einer Zeit der Umbrüche. Der 1971 in Nordthüringen geborene promovierte Theologe hat schon einige Umbrüche erlebt – der wichtigste, der Mauerfall, verhalf ihm dazu, Abitur nachmachen und studieren zu dürfen, denn in der DDR hatte er aus politischen Gründen – aufgrund seines Engagements in der kirchlichen Jugendarbeit – dazu keine Chance gehabt. Vor seiner Ernennung zum Dekan des Ulmer Kirchenbezirks war Krannich geschäftsführender Pfarrer in Essingen und Lauterburg im Remstal.

 

Höhepunkte und ein Tiefpunkt

Wie fühlt sich der Wechsel an? Wie fühlen sich diese ersten drei Monate an? „Sportlich!“, sagt Krannich  und lacht. „Das Amt ist kein Sprint. Eher ein Marathonlauf mit Sprinteinlagen.“ Was sagen will: Man braucht einen langen Atem – und muss manchmal trotzdem schnelle und wichtige Entscheidungen treffen können. Herausfordernd sei es durchaus, sagt Krannich. „Es ist eine große Aufgabe.“ Und es sei ihm noch keine einzige Minute langweilig gewesen in diesen gut drei Monaten.

Höhepunkte hat er schon erlebt, und einen absoluten Tiefpunkt. Der war, als im Oktober, bald nach dem Terrorangriff der Hamas auf israelisches Staatsgebiet, Hakenkreuzschmierereien im Auf- und Abgang des Hauptturms des Münsters entdeckt wurden. Der Hass auf jüdisches Leben und auf den Staat Israel schockiere ihn, gibt Krannich zu. Dass man als Kirche dazu deutlich Stellung beziehen müsse, steht für Torsten Krannich außer Frage. So wie bei der Mahnwache im Oktober auf dem Münsterplatz: Dass sich der Arbeitskreis christlicher Kirchen Ulm/Neu-Ulm und der Ring der politischen Jugend Ulm dafür zusammentaten, empfindet Krannich als echten Erfolg.

Dagmar Hub

Dieses Amt hat in Ulm eine ganz zentrale Rolle

Torsten Krannich

Das habe ihn überrascht. Seine aktuelle Erfahrung: Es sind Gespräche, die die Höhepunkte seiner bisherigen Arbeit in Ulm sind – neben seiner Investitur, die er als wunderschönen Tag in Erinnerung hat. Die Gespräche mit der Pfarrerschaft, aber auch die Gespräche mit Vertretern von Politik und Verwaltung in Ulm und die Gespräche im Ulmer Rat der Religionen. Gerade die Begegnungen mit seinem katholischen Ulmer Kollegen Ulrich Kloos zeigen ihm: „Wir sind nicht mehr in der Situation von vor 50 oder gar 100 Jahren. Wir haben es als evangelische und katholische Kirche geschafft, dass wir uns gut verstehen und einander freundschaftlich begegnen, obwohl wir in manchen Punkten unterschiedliche Positionen haben und verschiedener Meinung sind.“

Genau diese Erfahrung gebe ihm Hoffnung und Motivation. Vielleicht ist ein Neubeginn auch in den muslimischen Gemeinschaften möglich? Es ist seine Überzeugung, sagt Torsten Krannich, dass man gerade dort vermitteln muss, dass auch zwischen Muslimen und Juden möglich sein kann, was die evangelische und die katholische Kirche miteinander geschafft haben. Aber reden müsse  man schon miteinander. Ihn motivieren die Geschehnisse am Münster, sich gerade für solche Gespräche einzusetzen. „Kirche muss auf die Straße“, sagt er.

 

Dagmar Hub
Ein Stück Putz, das von der Decke des Ulmer Münsters gefallen ist. Die Renovierungsarbeiten dauern an.

Und die ewige Baustelle Münster? „Man kann aus ihr die Demut lernen, dass manche Dinge nicht mal eben so schnell erledigt werden können“, schmunzelt Krannich. Die Sanierung im Hauptschiff, die Sanierungsmaßnahmen am Münster überhaupt seien für ihn hoch spannend in allem, was er daraus auch technisch lerne. Mindestens fünf Jahre werde die Sanierung des Hauptschiffes noch dauern, die notwendig wurde, als im März ein Brocken Putz aus der Decke fiel. „Weshalb fällt der Putz? Was ist das überhaupt für Putz?“ Im Moment ist eine Fachfirma dabei, den Deckenputz ganz detailliert zu untersuchen. Es ist Putz, der über 400 oder 500 Jahre immer wieder ausgebessert wurde. Man messe gerade aufgrund der inzwischen vorhandenen technischen Möglichkeiten die unterschiedlichen Klimazonen im Münster – zum Beispiel unter der Decke und unter dem Dach, und lässt Künstliche Intelligenz mit den Anomalien arbeiten.

Eines ist ihm klar: „Wir werden es alle nicht erleben, dass das Münster gerüstfrei ist." Die Aufgaben werden ihm nicht ausgehen.

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