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Prälatur Ulm

Der Matcha-testende Pfarrer

BAD WALDSEE – Pfarrer Wolfgang Bertl und sein 17-jähriger Social-Media-Experte Aaron Leipziger zeigen seit drei Jahren auf Tiktok und Instagram, dass Kirche auch auf diesen Kanälen etwas zu sagen hat und Spaß dabei nicht zu kurz kommt. Von Barbara Waldvogel

In der evangelischen Kirche Bad Waldsee steht Pfarrer Wolfgang Bertl, er trägt einen Talar. Neben ihm steht Aaron Leipziger, der ein Smartphone bedient, das auf einem Tripod steht. Ulm
Foto: Barbara Waldvogel
Wolfgang Bertl und sein 17-jähriger Social-Media-Experte Aaron Leipziger

Social Media in der Kirche: Pfarrer Bertl in Talar und Beffchen

An diesem Spätnachmittag im Februar steht Pfarrer Wolfgang Bertl in der evangelischen Kirche Bad Waldsee und zieht sich für die Videoaufnahmen den Talar an. Während Aaron Leipziger Stativ, Beleuchtung und Smartphone herrichtet.

Die Videos mit Wolfgang kommen auf Instagram und Tiktok viel besser an, wenn er mit Talar und Beffchen auftritt

erklärt Aaron Leipziger

An diesem Tag steht zunächst einmal ein Spontan-Move zu dem Michael-Jackson-Song „Blame It on the Boogie“ auf dem Programm. Aaron spielt einen Trailer ein, Pfarrer Bertl schaut konzentriert zu und nach einer kurzen Absprache geht ­es vor dem Altar mutig bewegt zur Sache. Lange geprobt wird nicht – es soll alles authentisch wirken.

Pfarrer Wolfgang Bertl steht im Talar im Kirchenraum der Evangelischen Kirche Bad Waldsee. Er schaut in die Kamera und hält ein grünes Matchagetränk in der Hand.
Foto: Barbara Waldvogel
Wolfgang Bertl beim Matcha-Test in der Evangelischen Kirche Bad Waldsee

Matcha-Test im Talar

Anschließend muss der Theologe ein Matcha-Getränk testen. Seit Söder isst und Wadephul snackt, ist man auch in Bad Waldsee der Meinung, dass kleine Spots mit hippen Häppchen durchaus punkten können. Matcha wird bei Pfarrer Bertl sicher nicht zum Lieblingsgetränk. Manche können auch mit „Pfarrer Bertls Snack-Corner“ nicht viel anfangen.

Wie Social Media den Religionsunterricht verändert

Die junge Klientel feiert allerdings diese Reels. Als Religionslehrer in der örtlichen Realschule ist der Social-Media-Pfarrer durch Instagram sehr bekannt. „Die Kinder finden das toll und möchten in meinen Religionsunterricht – egal ob evangelisch oder katholisch“, stellt Bertl fest.

Resonanz aus der Gemeinde und darüber hinaus

Aber auch in der Bevölkerung in Bad Waldsee und darüber hinaus kommen die Social-Media-Aktivitäten der Kirchengemeinde gut an. Der Pfarrer wird beim Einkaufen darauf angesprochen, und hin und wieder melden sich auch ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden bei ihrem Seelsorger, schlagen Themen vor und tauchen gelegentlich im Gottesdienst auf.

Gegen Hass und Hetze: Warum auch die Kirche online präsent ist

Auf dem Instagramkanal @evangelischekirchebadwaldsee hat die Kirchengemeinde bereits 1270 Follower, und das gibt natürlich Auftrieb. Ein Grund, warum sie sich auf diesen Kanälen so engagiert:

Wir dürfen ­dieses Feld nicht allein den Rechts­populisten überlassen

sagt Wolfgang Bertl

Es gelte, Hetze und Hass zu begegnen, auch wenn gerade diese Einträge besonders hohe Klickzahlen haben. Kirche und Glaube sollten dagegenhalten und sich auf den Plattformen darstellen. So sind auf dem Account selbstverständlich auch kurze Reels mit theologischen Inhalten platziert. „Was ist Sünde?“, „Was bedeutet Gnade?“, „Welches ist das kürzeste Buch der Bibel?“ Diese Themen textet der Pfarrer mit großer Leidenschaft in aller Kürze an. „Ich möchte hier Theologie erklären, wie ich sie im Kopf und im Herzen habe.“

Auch politisch spricht er Klartext. US-Präsident Donald Trump bietet natürlich viele Angriffsflächen, aber Bertl richtet an diesem Nachmittag den Fokus eher auf die angeblich christliche Führung im Weißen Haus.

Aaron Leipziger: Großes Engagement schon mit zwölf Jahren

Ohne Aaron wäre die Gemeinde in Sachen soziale Medien sicherlich nicht so auf dem neuesten Stand. Ehrlicherweise räumt Bertl ein, dass der 17-Jährige die meiste Arbeit damit hat. Er beherrscht das Equipment, liefert Programm-Vorschläge, steht hinter und vor der Kamera, schneidet die Filme, bereitet nach und füttert dann die Kanäle.

Gefahren durch Social Media 

Doch Aaron Leipziger räumt durchaus auch die Gefahren ein, die für die Jugend von Instagram, Tiktok und co. ausgehen. Deshalb begrüßt er die Beschränkung der Nutzung für Kinder und Jugendliche. Er wäre dafür, auch in Deutschland die Altersgrenze bei 16 Jahren einzuführen.

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