Prälatur Ulm

Manege frei für junge Talente

NELLINGEN/MERKLINGEN – Mit Tauben eine Revue gestalten, mit dressierten Ziegen Kunststücke aufführen oder den Clown spielen: Für 170 Kinder ist der Zirkusauftritt zur Realität geworden. Bei dem Gemeinschaftsprojekt Evangelischer Kirchengemeinden im Alb-Distrikt konnten sie ihre vielfältigen Begabungen zum Einsatz bringen. Von Brigitte Scheiffele

Ulm
Brigitte Scheiffele
Brigitte Scheiffele
Ein besonderes Körpergefühl bewiesen die kleinen Akrobaten. Mit dem Projekt soll auch dem Bewegungsmangel bei den jungen Leuten entgegengewirkt werden.

Warum über ein Nagelbrett oder Glasscherben laufen? Warum als Clown in der Manege blöde Sachen erzählen oder auf einem Trapez durch das Zirkuszelt schweben? „Weil Kinder so viele versteckte Talente haben. Es ist doch schön, wenn sie alles unter der Aufsicht und dem Training von Profis aus­probieren und entdecken können“, sagt die Artistin Sahra Sperlich. Als Tochter der seit vier Genera­tionen tätigen Zirkusfamilie Hein betreibt sie mit ihrem Ehemann Alexander Sperlich und ihrer drei Jahre alten Tochter Stella­-Leys einen Projektzirkus. Das Angebot reicht für Interessierte vom Kindergarten über die Schule bis ins Erwachse­nenalter, um Fantasie und Kreativität zu fördern, aber auch um Ängste zu nehmen.

Eine Möglichkeit, unter professio­neller Anleitung gegen zunehmen­den Bewegungsmangel anzugehen. „Aktiv werden“ war deswegen das Motto, um drei Tage lang kleine Darbietungen mit großer Disziplin zu erarbeiten. Verblüffend schnell gelang das einer munteren Rasselbande in individu­ell gewählten Gruppen. Und nach einem Gemeinschaftsgottesdienst gab es für Eltern und Freunde zwei Gala­ Vorstellungen. Bei diesen Auf­tritten flackern bunte Lichter, Zirkusmusik erklingt und rings um die Manege haben sich die Bänke mit Besuchern gefüllt, die mit Spannung das Programm verfolgen. Aufrecht, selbstsicher und in schillernden Kostümen schwingen die „flying kids“ am Trapez federleicht durch die Luft, mit Spannkraft und Anmut vor dem Publikum.

„Oh je, da ist gar kein Sicherheits­netz“, war dort zu hören, doch so standhaft, wie die kleinen Artisten bei der Sache waren, so aufmerksam standen die Profis für mögliche Ausrutscher parat. Weit gefehlt, wer dachte, es sei nur ein bisschen Turnerei. Denn auch sich zu präsentieren, zu verbeugen und der Gang in der Manege er­ forderte viel Selbstsicherheit. Auch eine Solonummer als Clown muss man sich erst mal trauen, den Text dafür lernen und mit viel Mut den dummen August spielen können. Mit Ziegen kleine Kunststücke auf­zuführen, erfordert Beziehungs­fähigkeit zum Tier, ebenso wie das Vermögen, weiße Tauben zu witzi­gen Kunststücken zu animieren und zur Verwunderung aller Zuschauer diese auf Zuruf wieder in einem Korb einzusammeln.

Synchron, diszipliniert und vertrauensvoll bewiesen die kleinen Akro­baten ein besonderes Körpergefühl. Durch immer wieder neue Men­schenpyramiden führten sie das Publikum mit Spannung und Hal­tung bis nach Ägypten. Für Pfarrerin Sandra Baier aus der evangelischen Kirchengemeinde Nellingen-­Oppingen und Pfarrer Cornelius Küttner aus Merklingen­-Machtolsheim eine hervorragende und bereichernde Veranstaltung, zu der neben Trainings­einheiten lustige Spiele, kreative Aktionen, laute Lieder und leise Gebete zählten. Spannende Bibelgeschichten auf der Suche nach vorhandenen und versteckten Talenten kamen hinzu, ebenso die körperliche Stärkung durch le­ckeres Essen.

Brigitte Scheiffele
Brigitte Scheiffele
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Gebannt verfolgt das Publikum die Darbietungen und Kunststücke.

Bereits im März hatten sich im Vorfeld alle Kirchengemeinderäte aus den Ortschaften des Alb-­Dist­rikts getroffen, um die Kinderbibel­woche mit Zirkus und Sommer­ Sonntagsfest für alle Gemeinden zu organisieren. „Kinder sollten die Möglichkeit be­kommen, ihr Talent und ihre Stärken zu entdecken. Gemeinsames Singen, Beten im Rahmen einer An­dacht und ein Bastelprogramm tragen zum Gemeinschaftsgefühl bei“, sagt Sandra Baier. Die hielt ihre Sonntagspredigt unter dem Motto „Manege frei für Lebenskünstler“, denn „nicht jeder ist perfekt, aber jeder hat besondere Talente. Manche haben Angst, aber entdecken ihren Mut“, so die Pfarrerin.

Doch nicht allein die Kinder genos­sen das ebenso herausfordernde wie verzaubernde Angebot, sondern auch die Pfarrer der Gemeinden im Distrikt: „Eine Förderung und gute Vernetzung unserer Zusammen­arbeit ist wichtig. Viele Kollegen gehen in den Ruhestand und die Stellen werden nicht mehr besetzt“, sagt Sandra Baier.

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