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Prälatur Ulm

Prälatin Gabriele Wulz geht in den Ruhestand

ULM – Nach mehr als zwei Jahrzehnten als Prälatin von Ulm wird Gabriele Wulz am 7. Dezember 2025 in den Ruhestand verabschiedet. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl wird den Festgottesdienst im Ulmer Münster leiten. Eine Würdigung. Von Peter Schaal-Ahlers

Prälatin Gabriele Wulz sitzt an einem Tisch. Im Hintergrund ist ein langes volles Bücherregal zu sehen. Gabriele Wulz hat kurze helle Haare und trägt eine Brille. Ulm
Fotos: Peter Schaal-Ahlers
Gabriele Wulz, Prälatin in Ulm

Erste Prälatin in Ulm

Aufgewachsen ist Gabriele Wulz in Stuttgart-Weilimdorf. Evangelische Theologie studierte sie in Tübingen, Berlin und Jerusalem. Seit dieser Zeit ist sie eine Kennerin des Alten Testaments sowie des Judentums. Nach dem Ausbildungsvikariat in der Leonberger Gartenstadtgemeinde war sie zunächst Pfarrerin in Vaihingen. 1998 wurde sie Studieninspektorin am Evangelischen Stift Tübingen. Drei Jahre später rief Landesbischof Eberhard Renz in ­Tübingen an und fragte Wulz, ob sie sich vorstellen könne, Prälatin in Ulm zu werden. Nach drei Tagen Bedenkenzeit rief sie den Bischof zurück und sagte: „Ich wag’s.“ Damit wurde Gabriele Wulz die erste Frau in diesem Amt in Ulm. Früh übernahm sie große Verantwortung – in einer Region, die geprägt ist von Kirche auf dem Land, von zahlreichen kleinen Gemeinden und von historischen Spannungen. Ihre Wahl war ein Auftrag in Zeiten, in denen Kirche sich wandelte. Jeden Dienstag fuhr Wulz nach Stuttgart, um an den Sitzungen des Kollegiums des Oberkirchenrats teilzunehmen. Sie war theologische Stellvertreterin des Landesbischofs.

Hören und Leiten: Keine Angst vor Konflikten

Das Amt einer Prälatin ist mit wenig Macht ausgestattet. Eine Prälatin wirkt durch ihr Wort. Und die Stimme der Ulmer Prälatin wurde in Ulm und um Ulm herum gehört. Ihre Predigten sind theologisch durchdacht, seelsorgerlich ansprechend und auch für Zeitgenossen verständlich, die nicht Thomas Mann lesen. Nun schreibt und redet eine Prälatin nicht nur; sie muss auch zuhören können. In vielen Besetzungssitzungen suchte sie mit den Besetzungsgremien, welche Pfarrperson an der betreffenden Stelle passen könnte. Bei Visitationen hatte Wulz keine Scheu vor heiklen Fragen. Sich mit vorschnellen Antworten zufriedenzugeben, war nicht ihre Sache. Wulz fragte nach. Sie tat dies auch dann, wenn es schmerzhaft wurde. Ohne Menschenscheu legte sie auf den Tisch, was in ihren Augen ungut war. Dass dies die Kritisierten nicht immer erfreute, versteht sich von selbst.

Über ihre Theologie sagte die Prälatin: „Ich habe mich schon sehr früh im Theologiestudium mit biblischen Texten beschäftigt, die sich mit den sperrigen Erfahrungen des Menschseins beschäftigen. Der Verlust des Paradieses oder auch das Buch Hiob. Ich liebe die Psalmen und fühle mich getröstet und aufgehoben in den Klagen der Einzelnen und des Volkes. Diese biblischen Einsichten haben mich über alle Jahre im Amt begleitet und immer wieder ihre Kraft entfaltet. Überrascht hat mich deshalb nicht viel. Es gibt alles und es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Offen für die Weite und ein Herz für das Kleine

Gabriele Wulz ist eine leidenschaftliche Theologin, die sehr sensibel wahrnimmt, was ist. Viele Menschen suchten bei Wulz seelsorgerlichen Rat. Stets ging den Ratsuchenden im Gespräch eine neue Tür auf. Besonders hat sich Wulz für kleine Gemeinden engagiert. Fast jeden Sonntag predigte sie auf einer der vielen Kanzeln in der weitläufigen Prälatur Ulm, die von Schwäbisch Gmünd bis Friedrichshafen reicht. Es gibt wahrscheinlich niemanden in der Landeskirche, der so viele Menschen mit Namen kennt wie Gabriele Wulz. Jedes Jahr fuhr sie 40 000 Kilometer durch die Landeskirche. Entweder telefonierte sie bei den Autofahrten oder sie hörte Radio.

Seit dem Jahr 2013 engagiert sie sich im Vorstand von Aktion Sühnezeichen. Prälatin Gabriele Wulz pflegte viele Kontakte in aller Welt. Seit über 20 Jahren ist sie Vorsitzende des Gustav-Adolf-Werks (GAW) in Württemberg. Von 2016 bis 2021 war sie Präsidentin des GAWs in Deutschland. Die Impulse einer Theologie der Diaspora hat Wulz immer wieder in die aktuellen Transformations- und Veränderungsprozesse der Landeskirche eingebracht.

Mutig und stark: Keine Scheu vor heiklen Themen

Seitens der Kirchenleitung war Wulz unter anderem mit den Themen Aufarbeitung, Prävention und Intervention im Zusammenhang mit „sexualisierter Gewalt“ befasst. Ein Jahr nach Veröffentlichung der „ForuM-Studie“ sagte sie: „Das Stichwort ‚Verantwortungsdiffusion‘ hat mir sehr geholfen. Das bedeutet, niemand fühlt sich direkt zuständig, viele befassen sich mit dem Thema, aber alles dauert sehr lange. Wir haben inzwischen die Wege und die Bearbeitungszeiten für Meldungen von Betroffenen so einfach und klar wie möglich gestaltet … Trotz guter Pläne sind wir immer wieder neu herausgefordert dazuzulernen.“

Und in der Tat, die Kirche ist keine Gemeinschaft der Vollkommenen. Das zeigen auch die Hähne, die auf vielen evangelischen Kirchturmspitzen zu sehen sind. Sie sind Zeichen des Verrats. Jeder kann sehen, dass in diesem Haus Menschen zusammenkommen, die nicht so sind, wie sie sein sollten. Aber Gottes Geschichte mit dem Verräter Petrus geht weiter. Das lässt hoffen. Auf die Frage, was sie sich für ihre Kirche wünscht, antwortet die Prälatin: „Dass die Kirche bei ihrer Sache bleibt und sich nicht von Stimmungen und Zuschreibungen hin und her scheuchen lässt.“

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